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Von wegen unbedeutender Kaffeeklatsch

Erst dachte ich, dass ich mich vielleicht im Datum geirrt hatte. Überall befanden sich Stehtische mit feinsten Köstlichkeiten, auf unzähligen übergroßen Platten dekorativ angerichtet. Weiße Tischdecken, zauberhafte Servietten und elegante Christrosen waren auf den Tischen verteilt. Weiter hinten erspähte ich eine hohe weiße mehrstöckige Etagere im Vintage-Stil, prallgefüllt mit selbstgebackenen Brötchen, Brezeln, Laugenstangen und anderen Leckereien. War ich versehentlich auf einer Hochzeit gelandet? Ich überprüfte gerade hektisch in meinem Kalender, ob ich mich eventuell im Termin vertan hatte und zur falschen Zeit am falschen Ort war – da kam schon Inge Windmüller, die Frauenbeauftragte der Gemeinde Albstadt, auf mich zu und lächelte mich freundlich an. Ich war so perplex, dass ich es kaum fassen konnte. Das hier war also doch keine Hochzeit, sondern „nur“ ein Frauenfrühstück.

Oft verpönt und mit einer Handbewegung abgetan

„Natürlich, Kaffeeklatsch und Tratsch …“, mag sich so manch einer in Bezug auf Frauentreffen kopfschüttelnd denken. Was soll das schon bringen? Viele gackernde Weiber an einem Ort stopfen sich die Bäuche mit gutem Essen voll und plappern zwei oder drei Stunden lang belangloses Zeug. Und die armen Männer müssen parallel zu Hause die Kinder hüten, denkt sich jetzt womöglich der eine oder andere empört!

Die Wahrheit in Albstadt sieht allerdings anders aus. Das merke ich spätestens, als ich in einem Nebenraum meine Handtasche und Jacke deponieren will und dabei über Stefan und Tobias „stolpere“, die mir freundlich zulächeln. Sie sitzen an einem Tisch, beladen mit vielen Köstlichkeiten. „Wir müssen nicht mal zum Buffet laufen, eigentlich haben wir es besser als ihr dort nebenan!“, ruft mir Stefan gut gelaunt entgegen. Und Tobias ergänzt: „Bald sind wir dran. Dann ist Männerfrühstück. Dann werden wir von den Frauen verwöhnt! Hier herrscht nämlich ein Geben und Nehmen!“

Wie schön, wenn in Gemeinden Menschen füreinander da sind, einander verwöhnen, füreinander sorgen – in geschwisterlicher Liebe. Das erinnert mich an Epheser 4,15-16, wo es heißt: „Lasst uns in Liebe an der Wahrheit festhalten und in jeder Hinsicht Christus ähnlicher werden, der das Haupt seines Leibes – der Gemeinde – ist. Durch ihn wird der ganze Leib zu einer Einheit. Und jeder Teil erfüllt seine besondere Aufgabe und trägt zum Wachstum der anderen bei, sodass der ganze Leib gesund ist und wächst und von Liebe erfüllt ist.“ In gesunden Gemeinden wird jeder „satt“ – nicht nur geistlich gesehen, wie das Beispiel von Albstadt zeigt.

Während ich vor meinem reich gefüllten, bunten Teller, beladen mit vielen Köstlichkeiten, sitze, schaue ich mich unauffällig etwas im Raum um. Es sind unzählige Frauen da, jeden Alters. Weiter hinten bereitet eine Frau mit muslimischem Hintergrund ihrer hübschen und offensichtlich blinden Tochter das Essen zu. Die Stimmung ist fröhlich und entspannt. Ich bin häufiger in Albstadt und sehe dennoch viele unbekannte Gesichter. „Ja klar, wir haben immer einige Gäste“, bestätigt mir Ilona, die neben mir sitzt. Sie sagt das so selbstverständlich. Für viele Gemeinden ist solch eine hohe Anzahl an Gästen ein Traum in weiter Ferne – nicht selten scheint er sogar unerreichbar!

Ein besonderer Rückzugsort

Zugegeben, früher hielt ich Frauentreffen, Frauenfrühstücke und Co. für antiquierte Relikte aus einer Zeit, in der von ihren Männern zu Hause klein gehaltene, verbitterte Frauen sich außerhalb ihrer ehelichen Stratosphäre (Küche – Bett – Kinderzimmer) trafen, um endlich mal laut auszusprechen, was sie vom Patriarchat hielten … Seit ich selbst in den Frauendiensten aktiv bin, sehe ich die Sache etwas anders. Frauentreffen wie jene in Albstadt gehören – und da bin ich mir mittlerweile sicher – zu den diakonisch orientiertesten Treffen, die unsere Gemeinden anbieten. Gemeinsam essen, gemeinsam plaudern, einem geistlichen und zugleich alltagsrelevanten Thema lauschen, sich hinterher darüber austauschen. Und das regelmäßig! In manchen Gemeinden geschieht das monatlich, in anderen quartalsweise.

Keine der Frauen hat Hemmungen, ihre Freundinnen, Nachbarinnen oder Kolleginnen einzuladen – warum auch? Schließlich herrscht eine unverkrampfte Atmosphäre. Miteinander lachen, gemeinsam beten, füreinander da sein – in jeder Lebenslage und weit über die eigentlichen Treffen hinaus … denn meist vernetzen sich die Frauen auch im Alltag. Was für ein unglaubliches Geschenk! Und in Albstadt wohl auf doppelte Art, denn nicht nur Frauen haben hier solch einen Rückzugsort für ihre Bedürfnisse und ihre Themen, sondern auch Männer – regelmäßig, im Wechsel. Welch ein Segen für die gesamte Gemeinde!

Was ich vollkommen ablehne, ist eine Art Abgrenzung und Gruppenbildung in unseren Gemeinden. Wie herrlich wäre es, wenn es in allen Gemeinden wie in Albstadt wäre, wo sowohl Männer als auch Frauen bei Bedarf Schutzräume für ihre Belange und Themen finden würden!? Ich wünschte, jede Gemeinde in Baden-Württemberg hätte solch ein „Verwöhnprogramm“ für Körper, Geist und Seele, das in der Lage ist, ganz unverkrampft Menschen „hineinzulieben“.


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